Ein Bloggerprojekt

Dieser Beitrag ist im Zusammenhang mit dem Bloggerprojekt: Wir sind St. Pauli! Nur was sind wir? zu sehen.

Wir sind St. Pauli!

Aber … wer ist wir? Gibt es ein Wir? Oder gibt es viele?

Wir! Ein kleines Wort, das bei mir keine guten Erinnerungen weckt. Ein „Wir“ war in früheren Zeiten mein Anfang vom Ende bei meinem Heimatverein (ich weiß, ich weiß, eine alte Leier, ich habe es einigen sicher auch schon erzählt, ich habe es im Blog geschrieben, … aber ich hab da ein echtes Trauma – man verliert ja nicht alle Tage seinen Verein). Der VfB Oldenburg hatte nach einem Zweiligaaufstieg gerade sein altes Stadion zu Geld gemacht. Statt Fußball in der „Hölle des Nordens“ zu spielen, zog man den kurzfristigen Geldregen vor, träumte von sportlich noch besseren Zeiten, spielte fortan im städtischen Leichtathletikstadion am Marschweg und träumte von einem Stadionneubau. Und zuerst wurde es sportlich tatsächlich besser – und parallel wuchs die Zahl der Gewalttaten rund um die Spiele, eine kleine Hooliganszene etablierte sich, auch Rechte fanden sich immer mehr in der Kurve ein. Dagegen wollte eine kleine Gruppe etwas machen und nähte sich eine Zaunfahne: „Wir gegen Rechts.“ Rückblickend kein doller Slogan – aber immerhin ein Zeichen. Vom Verein kam auch ein deutliches Zeichen. Rudi Assauer wollte keine Politik im Stadion, daher mussten wir weichen. Reichskriegsfahnen und Hitlergrüße sind natürlich nicht politisch. Zur selben Zeit spielte Christian Brandt beim VfB – von den Zuschauern wurde er als linke Zecke beschimpft. Die Vereinsführung um Rudi Assauer stärkte ihn nicht, sondern verlangte einen vernünftigen Haarschnitt. Die Glatze, die dann folgte, war aber auch nicht ok und C.B. landete bei uns auf der Tribüne. Das waren meine letzten Spiele beim VfB. Zurückgekehrt bin ich erst Jahre später – als Gast mit der U23 des magischen FC.

Dieser hat ungefähr in dieser Zeit bei einem Auftritt am Marschweg mein Herz mit nach Hamburg genommen. Obwohl der Aufstieg an diesem Tag verspielt wurde, war die Kurve laut, bunt und friedlich! Danach war ich immer häufiger am Millerntor – und nach einer längeren (fast) fußballfreien Zeit bin ich seit dem Erstligaabstieg 2002 regelmäßig dabei.
Und bei allen Konflikten, die es am Millerntor gibt: Ein Blick in die Vergangenheit und in die Gegenwart zeigt mir, dass wir im Prinzip immer noch auf einer Insel der Glückseligkeit leben. (Bevor jetzt Kritik kommt – ja, das war etwas überspitzt). Damit dies so bleibt und auch meine 6jährige Tochter irgendwann noch in den Genuss kommt, das Gefühl St. Pauli zu erleben, gilt es natürlich, den Status zu erhalten bzw. im Idealfall zu verbessern. Und dies geht nur gemeinsam – da kommt das „Wir“ wieder ins Spiel.

Es gilt, das besondere zu erhalten. Was macht diesen Verein aus? Ein Hauptfaktor ist in meinen Augen der folgende: Es gibt den Spruch, dass man sich seinen Verein nicht aussuchen kann. Dies gilt für den FCSP nur bedingt. Ich kenne unzählige Menschen, die über ähnlich verworrene Wege wie ich beim FC gelandet sind. Nicht durch Geburt, nicht durch räumliche Nähe – sondern weil der FC für etwas Besonderes steht. Gegen Rechts, gegen Sexismus, gegen den totalen Kommerz, …laut, bunt, friedlich, … Glaube, Liebe, Hoffnung … und in meinen Augen ist dies der Kern – der muss erhalten werden, dafür muss man um jeden Preis kämpfen. Und dieses Verständnis muss einer jeden Nachfolgenden Generation abgerungen werden. Dies ist die Aufgabe aller Gruppen rund um den Verein.
Momentan habe ich aber das Gefühl, dass die einzelnen Gruppen übereinander, aber nicht miteinander reden. Die Vereinsführung versucht, die momentane Situation der Erstligazugehörigkeit bestmöglich in Geld umzuwandeln, die Sozialromantiker wollen die Werte sichern, der Alte Stamm greift die Sozialromantker in einem offenen Brief an, schmeißt diese aber in einen Topf mit den Ulltras. Diese wiederum sind gerade Auswärts der Stimmungsgarant schlechthin – aus ihrem Umfeld kommen aber auch immer wieder Pimmelfechtereien mit anderen Ultragruppen und diverse Zündelaktionen (nein, kein Angriff auf USP, ich spreche bewusst von Umfeld – auch wenn ich mir manchmal schon eine deutliche ansage wünsche), die wiederum andere Bereiche des Blockes auf die Palme bringen. Die einzelnen Heimkurven bezichtigen sich gegenseitig des schlechten Support, … usw. und so fort.
Diesem ganzen Gegeneinander müsste dringend Einhalt geboten werden. Der Verein muss an erster Stelle stehen. Wie soll das Geschehen? Ich weiß es nicht. Vielleicht geht es uns gerade zu gut – vielleicht fehlt ein gemeinsames Feindbild. Ideen hierfür werden gerne gesehen.

Ich meine aber, es muss mehr geredet werden. Geredet – nicht geschrieben. Und nicht übereinander, sondern miteinander. Ich möchte nicht wissen, wie die glorreichen alten Tagen Rückblickend aussehen würden, wenn es damals schon das Internet in seiner heutigen Form gegeben hätte. Und hier schließe ich mich selbst mit ein. Ich kotze mich hier in meinem Blog aus, schreibe im Forum, schreibe Mails – aber suche viel zu selten das persönliche Gespräch, wenn mich etwas stört.
Und auch, wenn die Gegenseite einen mal wieder so richtig enttäuscht hat, bringt eine bockige Blockadehaltung einen nicht wirklich weiter. Auch dann gibt es keinen Ersatz für Gespräche. Sollte sich aber jemand konsequent diesen Gesprächen entziehen wollen, dann muss gehandelt werden. Dann ist das Kollektiv gefragt, hier Einfluss zu nehmen. Im schlimmsten Fall durch Entzug der Macht durch die Mitglieder. Und an diesem Punkt sind ja eigentlich schon fast – wenn man den Fankongress als Reden definiert und sich die Umsetzung einiger Punkte anschaut. Allerdings sind wir bei diesem Punkt schon beim großen Ganzen – obige Sätze über das miteinander reden gelten aber auch im Kleinen.
Ein weiterer Punkt, der mir immer mehr auffällt, ist die fehlende Gelassenheit. Einfach mit ein wenig Arroganz über den Dingen stehen. Auf verbale Angriffe von gegnerischen Fans mit „Scheiß-St. Pauli“ Antworten. Einer aggressiven Polizeimacht nicht mit Gegengewalt gegenüber treten – sondern diese lächerlich machen. Ähnlich der Clown-Armee beim G8-Gipfel. Sich nicht in die sich momentan immer weiter drehende Gewaltspirale einsaugen lassen. Und wenn die Polizei es nicht schafft, die Spirale zu durchbrechen, müssen wir es tun. Und man muss differenzieren – ACAB unterschreibe ich nicht. Es ist in meinen Augen sinnfrei, bei einem Auswärtsspiel dem Polizisten vor die Füße zu rotzen, weil es in HH ärger mit den Schergen gibt. Sicher – man darf sich nicht alles gefallen lassen – im Falle eines Angriffes soll man geschlossen stehen und sich wehren. Ich bin kein Freund davon, die zweite Backe hinzuhalten. Aber man muss es nicht provozieren. Man muss gerade Auswärts auch immer bedenken, dass in der Gruppe der Auswärtsfahrer auch Personen stehen, die körperlich nicht in der Lage sind, sich zu verteidigen. Kleine Kinder, Ältere, Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen, … auch für die muss es immer möglich sein, Auswärts zu fahren und sich auch im Stehbereich aufzuhalten. Aus diesem Grund gibt es von mir auch eine klare Meinung zu Pyro. Die engen Gästekäfige sind hierzu in der Regel nicht geeignet. Wer trotzdem meint, seinen Egoismus auszuleben, hat nach meiner Meinung bei uns im Block nichts verloren. Die folgenden Geldstrafen kommen da noch hinzu – sind aber nicht der entscheidende Punkt. Bei diesen ganzen Dingen kann man als Einzelfahrer / nichtorganisierter Fan aber kaum etwas machen. Hier sehe ich die größeren Fangruppierungen in der Verantwortung, klare Regeln zu benennen und diese auch Gegenüber den Blocknachbarn einzufordern. Ähnliche Aufrufe erfolgten ja bereits zum Thema Alkohol.

Aber – und das ist ein großes aber: Man muss auch nicht alles nur Schwarz sehen – es gibt hier immer noch vieles, was uns von anderen abhebt. Dinge, die den FC zu etwas Besonderem machen. Nehmen wir alleine die momentane sportliche Situation. Klar – es wird gemotzt und gemeckert – aber trotzdem stehen alle hinter dem Team. Es gibt keine Pfiffe während des Spiels, der Kopf vom Trainer wird nicht gefordert, es werden keine einzelnen Spieler an den Pranger gestellt, die Hütte ist voll, die Stimmung wird von allen Gästen gelobt, das Stadion hat noch einen Namen, es ist noch Fußball und kein reiner Event, ach – was soll ich schreiben … es ist einfach ein Gefühl – das immer noch da ist. Mal mehr, mal weniger, wie alles im Leben. Manchmal will man verzweifeln, wenn wieder mal ein Tor in der 90. Minute gegen uns fällt oder die Haupt auch in Minute 50 noch fast leer ist. Aber dann wieder läuft in der Pause „ Los Paul“ von Trio und ich weiß – genau hier bin ich richtig.

Soviel dazu von meiner Seite. Ich bin kein Visionär – und Texte ohne einen direkten Auslöser zu verfassen, fällt mir angesichts des knappen Gutes „Zeit“ momentan sehr schwer. Aber obiges sind halbwegs die Gedanken, auf die ich seit Monaten immer wieder zurück komme.

„United we stand“ war vor kurzem auf einigen Tapeten zu lesen – und nur so geht es.

Zum Ende noch ein Flyer, der in meinen Augen vieles eigentlich auf den Punkt bringt, immer noch aktuell ist und nur um wenige Punkte erweitert werden muss, um in meinen Augen ein Ideal zu vor zu geben.

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~ von derkiesel - März 22, 2011.

3 Antworten to “Ein Bloggerprojekt”

  1. Sehr schöner Text. Ganz unabhängig davon, daß mir inhaltlich einiges bekannt vorkommt… 😉

    Ein Mehr an Kommunikation wird wahrhaftig gebraucht. Auch eine Zersplitterung der Fanszene in Gruppen zu zementieren bringt uns insgesamt als Fanszene nicht voran. Man kann ja bei einzelnen Punkten anderer Meinung sein und dies auch artikulieren – dabei ist es aber hilfreich, wenn man seinem Gegenüber auch zuhört (sonst erlebt man so bizarre Momente wie ich beim letzten Heimspiel mit einem vom Alten Stamm – kenne aber zur Genüge psotive Gegenbeispiele auch Vertretern dieser Fangruppe sowie diversen anderen organisierten wie nicht organisierten Fans).

    Ich will eine offene Fanszene des FCSP, die miteinander im Sinne vom FC St. Pauli nach dem Besten strebt – und damit meine ich nicht den sportlichen oder wirtschaftlichen Erfolg. Kann gerne mit dabei sein, darf aber nicht an erster Stelle stehen, wenn man das, wofür der FCSP steht, erhalten will.

    Den schriftlichen Weg möchte ich aber trotzdem nicht verdammen, denn man kann so mitunter mit Menschen kommunizieren, denen man persönlich sonst gar nicht begegnet wäre – und es vielleicht im Anschluß daran mal doch tut.

  2. […] Kiesel https://derkiesel.wordpress.com/2011/03/22/ein-bloggerprojekt/ stellt ebenfalls die Notwendigkeit der direkten Kommunikation in den Vordergrund. Schreiben ersetzt […]

  3. Hut ab. Hast du wirklich klasse geschrieben.

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